Kolumne: Wenn Metaphern Milliarden bewegen

Bevor multiple Hundert investiert, Strategien verabschiedet oder Systeme eingeführt werden, geben wir dem Neuen einen Namen – oft unbewusst und nebenbei. Doch ob wir von einem «Gamechanger» oder einem «Datenstaubsauger» sprechen, beeinflusst mehr, als es den Anschein macht. Ein Aufruf zum bewussten Umgang mit Sprache. Von Isabel Gehrer*
Neulich in der Teppichetage, kurz vor der Znünipause: Die Geschäftsleitung diskutiert Kostenexzellenz, Effizienzhebel und schliesslich – wie könnte es dieser Tage anders sein – die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz. Von einem Gamechanger ist die Rede; damit habe das Property Management endlich mehr Zeit für die wirklich wertschöpfenden Aufgaben. Der CFO mahnt zur Vorsicht, spricht von einer finanziellen Black Box. Einig ist man sich derweil über die Verwendung von Geschäftsdaten zu Trainingszwecken («kategorisch ausgeschlossen»), schliesslich möchte niemand die unternehmerischen Kronjuwelen ungefragt in fremde Hände legen.
So oder ähnlich dürften viele Gespräche über den Einsatz und die Verwendung von KI heute klingen. Auffällig ist dabei weniger die Technologie selbst als die Sprache, der wir uns bedienen. Datenstaubsauger, Werkzeugkasten, Fleischwolf… Solche Metaphern sind viel mehr als sprachliche Ausschmückungen. Sie repräsentieren unbewusste Zukunftsvorstellungen und helfen uns, Erwartungen einfach verständlich zu machen. Wer KI als Assistentin bezeichnet, erwartet Unterstützung. Wer ihr die Rolle eines Agenten zuschreibt, delegiert Verantwortung. Das ist kein Zufall. Metaphern sind nie rein beschreibend, sondern setzen immer auch einen Rahmen. Sie beeinflussen, welche Chancen wir erkennen, welche Risiken wir diskutieren und damit letztlich auch, welche Investitionen wir tätigen.
Von der Naturgewalt zum Sparringpartner
Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass dieses Phänomen keineswegs neu ist. In der Nachkriegszeit wurde Technologie in der Schweiz oft als unkontrollierbare Naturkraft begriffen, während sie heute primär als Erweiterung, Partner oder auch Gegner des Menschen verhandelt wird. Eine historische Metaphern-Analyse im NZZ-Archiv offenbart, dass das Techniknarrativ der 1950er Jahre stark von Angst geprägt war, insbesondere mit Blick auf das zerstörerische Potenzial der Atomkraft und dem Kontrollverlust im Kontext des Kalten Krieges. Zeitgleich löste Technologie Hoffnung und Faszination gleichermassen aus, etwa im Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Aufschwung oder der Raumfahrt.
Der aktuelle KI-Diskurs wird derweil stärker von Skepsis und Ambivalenz dominiert. Die Unsicherheit bezieht sich weniger auf unmittelbare Untergangsszenarien, sondern auf langfristige, schwer prognostizierbare Folgen, ethische Dilemmata und die Frage nach der tatsächlichen Kontrollierbarkeit, was sich unter anderem in diversen parlamentarischen Postulaten und Motionen zeigt (vgl. Curia Vista).
Technik wird zweimal gebaut
Hier wirkt das Konzept sogenannter Technikzukünfte. Sie bezeichnen die Vorstellungen, Erwartungen und Zukunftsbilder, die wir mit einer Technologie verbinden, lange bevor wir ihre tatsächlichen Auswirkungen kennen oder in voller Tragweite abschätzen können. Sie beantworten also weniger die Frage, was technisch möglich sein wird, sondern vielmehr, welche Entwicklungen wir für wahrscheinlich, wünschenswert oder bedrohlich halten und welche Annahmen dabei oft implizit mitschwingen.
Das mag abstrakt klingen, hat aber sehr konkrete Folgen. Denn Technikzukünfte schaffen Orientierung in Situationen, in denen belastbare Erfahrungswerte fehlen. Sie beeinflussen damit politische Entscheide, wirtschaftliche Investitionen und gesellschaftliche Prioritäten. Mit anderen Worten: Lange bevor eine neue Technologie in unsere Gebäude, Prozesse oder Geschäftsmodelle einzieht, hat sie bereits in unseren Köpfen Quartier bezogen. Dort prägt sie nicht nur unser Verständnis, sondern auch unsere Haltung zum Thema.
Gedankliche Blaupause
Auch vermeintlich sachliche Diskussionen wie die eingangs erläuterte Geschäftsleitungssitzung bilden hier keine Ausnahme. Wenn wir heute über KI diskutieren, werden zumindest aus strategischer Perspektive viel gewichtigere Themen verhandelt als Algorithmen oder Rechenleistung. Es geht mindestens so sehr um unsere impliziten Erwartungen. Wird KI den Fachkräftemangel auf der Baustelle entschärfen? Die Produktivität am Schreibtisch steigern? Entscheidungsprozesse verbessern? Oder sind wir gerade im Begriff, uns selbst abzuschaffen?
Metaphern können Antworten aufzeigen, die wir uns unbewusst längst gegeben haben, bevor die erste Kennzahl auf dem Tisch liegt. Wenn wir von «Black Box», «Gamechanger» oder «Assistenten» sprechen, werden Erwartungen kommuniziert, Rollen verteilt und Handlungsspielräume eröffnet oder begrenzt. In einer Branche, die über Milliardenbeträge, Investitionszyklen von Jahrzehnten und langfristige strategische Weichenstellungen entscheidet, ist das alles andere als nebensächlich.
Die impliziten Annahmen und Zukunftsbilder, die Metaphern zugrunde liegen, verdienen deshalb mehr Aufmerksamkeit. Sie stehen in keinem Protokoll und in keiner Strategie, aber bestimmen massgeblich, was überhaupt darin enthalten ist.
*Isabel Gehrer ist Leiterin des Future Labs von pom+
