Zu heiss, zu trocken: Städte leiden immer mehr unter dem Klimawandel. Wenn es um die strategische Stadtplanung geht, hat sich der Fokus massiv verschoben: Weg von der reinen Ästhetik, hin zur funktionalen Klimaanpassung. Stadtplaner betrachten das Quartier heute als ein zusammenhängendes thermodynamisches System. Von Remi Buchschacher

Schweizer Städte haben bereits seit Jahren ein eher mildes Klima. Verschiedene Modellrechnungen zeigen aber deutlich auf, dass es durch den Klimawandel bei uns noch heisser werden kann. Auch der Wasserhaushalt wird sich verändern: Trockenperioden werden häufiger und länger und schwere Unwetter mit Starkregen nehmen zu. Dies setzt den Menschen und der Vegetation besonders in der Stadt zu. Die meisten Städte in Mitteleuropa wurden nicht für diese Klimaveränderungen gebaut. Deshalb ist eine Anpassung der Stadtstrukturen nun umso wichtiger.

Doch wie können Quartiere dem Klimawandel trotzen? «Im städtischen Kontext sind vor allem ausreichende Grünräume mit Bäumen zur Beschattung und die Vermeidung von grossen versiegelten Flächen effektiv. Diese Massnahmen sind bei frühzeitiger Planung viel kostengünstiger als technische Massnahmen in Gebäuden wie Klima- und Kühlanlagen», sagt Ivo Angehrn, Manager Nachhaltigkeit und Digitalisierung bei Drees & Sommer. Schwammstadt, grüne Städte, blaue Areale – klimaangepasste Aussenräume sind keine Zukunftsvision mehr, sondern bereits Überlebensstrategien. Zunehmende Hitzeereignisse und Starkniederschläge führen dazu, dass eine hohe Aufenthaltsqualität im bebauten Raum neue Ansätze in der Planung erfordert. Zu beantworten sind Fragen wie: Wie planen wir Plätze, Gärten und Fassaden in Zukunft? Welche Einflussfaktoren gilt es zu berücksichtigen und was sind ihre Wirkungen? Ziel muss es sein, den sogenannten Urban Heat Island Effect (städtische Hitzeinseln) zu brechen, bei dem sich Beton und Asphalt tagsüber aufheizen und nachts kaum abkühlen.

Natürliche Klimaanlage

Eine der effektivsten Massnahmen ist die «Schwammstadt». Wasser und Pflanzen bilden eine natürliche Klimaanlage in der Stadt. Das Prinzip der Schwammstadt zielt darauf ab, Regenwasser nicht in die Kanalisation abzuleiten, sondern vor Ort zu speichern. Früher war das Ziel der Stadtentwässerung, Regenwasser so schnell wie möglich in Rohre und weg aus der Stadt zu leiten. Heute will man das Gegenteil.

  • Retentionsflächen: Das sind gezielt angelegte Vertiefungen in Parks oder auf Plätzen, die bei Starkregen kontrolliert geflutet werden. Das Wasser versickert dort langsam und kühlt durch spätere Verdunstung die Umgebung.
  • Multifunktionale Flächen: Ein tiefergelegter Basketballplatz zum Beispiel kann bei einem Unwetter als kurzzeitiges Rückhaltebecken dienen.

Das Potenzial urbaner Räume für die Biodiversität sei gross, betonen Fachleute wie Daniel Baur, Professor an der Berner Fachhochschule. Urbane Räume müssen als ökologisches System gedacht und geplant werden, schreibt er in einem Blogbeitrag der BFH. Wenn es um die strategische Stadtplanung geht, hat sich der Fokus massiv verschoben: Weg von der reinen Ästhetik, hin zur funktionalen Klimaanpassung. Stadtplaner betrachten das Quartier heute als ein zusammenhängendes thermodynamisches System.

  • Entsiegelung: Asphalt- und Betonflächen werden durch wasserdurchlässige Beläge oder Grünflächen ersetzt.
  • Begrünte Architektur: Dach- und Fassadenbegrünungen wirken wie eine Dämmschicht für Gebäude und kühlen durch Verdunstung die Umgebungsluft.
  • Wasserflächen: Brunnen, Wasserläufe und Versickerungsmulden senken durch Verdunstungskälte die Temperatur in unmittelbarer Nähe um mehrere Grad.

Während neue Quartiere «auf dem Reissbrett» klimagerecht geplant werden können, ist die Nachrüstung von historischen Stadtkernen die eigentliche Mammutaufgabe. Hier müssen oft Denkmalschutz, Nutzungsinteressen und Platzmangel gegeneinander abgewogen werden. Unsere Städte sind aufgrund von Abstandsregeln und Baulinien geformt worden, das Dazwischen ist dabei häufig verloren gegangen und wurde zum Abstandsgrün degradiert. Das liegt auch daran, dass die Eigentümerschaften nur die Kompetenz haben, über ihre eigene Parzelle zu entscheiden – doch klimatische Herausforderungen machen nicht Halt an der Parzellengrenze. Wie können also Immobilienentwickler die zunehmende Hitze und Starkniederschläge bei der Projektplanung berücksichtigen? «Als erstes sollte eine standort- und projektspezifische Klimarisikoanalyse durchgeführt werden, um die grössten Risiken und wirksamsten Optimierungsmassnahmen zu identifizieren. Diese sind anschliessend den Planern ins Pflichtenheft zu schreiben. Letztlich ist darauf zu achten, dass diese Massnahmen nicht aus Spargründen im Projektverlauf wieder gestrichen werden – leider ist das in der Praxis noch zu oft der Fall», bedauert Ivo Angehrn. Politik und Verwaltungen sollten hier also vermehrt Ziele festlegen und aufzeigen, wie sich das Potenzial dieser Flächen zukunftsfähig nutzen lässt. Aber auch die Anordnung von Gebäuden entscheidet darüber, ob die Stadt «atmen» kann. Zum Beispiel mit der Vermeidung von Riegelbebauung: Grosse, zusammenhängende Gebäudekomplexe können den Windfluss blockieren. Planer setzen stattdessen auf eine aufgelockerte Bebauung, die Kaltluftflüsse aus dem Umland tief in die Stadtkerne leitet.

Bäume als wichtige Leistungsträger

Schatten ist im städtischen Sommer das kostbarste Gut. Bäume gelten dabei als die wichtigsten Leistungsträger: Ein ausgewachsener Laubbaum kühlt so stark wie zehn Klimaanlagen. Gepflanzt werden heute verstärkt «Zukunftsbäume», die mit Trockenheit und Hitze besser zurechtkommen (zum Beispiel Purpur-Erle oder Silber-Linde). Das «Gartenhochhaus» Aglaya in Rotkreuz ist hier ein sehr gutes Beispiel für den Umgang mit Bäumen und Büschen direkt auf dem Balkon. Insgesamt 40’000 Pflanzen sorgen für eine kühlende Fassade auf 21 Etagen. Jede der 85 Eigentumswohnungen verfügt über weit auskragende Terrassen mit Bäumen und Sträuchern, die das Bild eines «vertikalen Waldes» schaffen. Kleinere Bäume, Sträucher, Kletterpflanzen und Stauden wurden je nach Himmelsrichtung und Lage zusammengestellt und in fest installierte Tröge gepflanzt. Ein Konzept, das in asiatischen Städten bereits seit Längerem erfolgreich umgesetzt wird und für Abkühlung sorgt.

Auch Flachdächer bieten in der modernen Stadtplanung ein enormes Potenzial, um graue Betonwüsten in lebendige Ökosysteme zu verwandeln. In dicht bebauten Städten fehlt es am Boden oft an Platz für Wildblumen und Insekten. Begrünte Flachdächer wirken hier wie Trittsteinbiotope. Sie dienen als Nahrungsquelle für blühende Sukkulenten, Kräuter und Gräser und bieten Bienen, Schmetterlingen und Schwebfliegen wertvollen Nektar. Auch als Nistplätze bieten spezielle Aufbauten wie Totholzstapel oder Sandlinsen auf dem Dach Vorteile für den Vogelschutz: Bodenbrüter wie der Kiebitz oder der Flussregenpfeifer nutzen Kiesdächer oder begrünte Flächen zunehmend als sichere Brutplätze vor Fressfeinden am Boden. Allerdings entsteht auf Flachdächern immer häufiger eine Nutzungskonkurrenz: Es soll als Aufenthaltsort und Freizeitterrasse dienen, aber auch als Nährstofflieferant für Insekten und Vögel. Zudem sorgen schnellwachsende Pflanzen für Beschattung der Solarpaneels, was wiederum deren Leistung einschränkt.

Verkehr nicht entstehen lassen

Ein probates Konzept, um die Hitze in den Städten gar nicht erst aufkommen zu lassen ist die 15-Minuten-Stadt. Damit wird ein stadtplanerisches Konzept bezeichnet, bei dem alle wichtigen Einrichtungen des täglichen Bedarfs – Arbeiten, Einkaufen, Bildung, Gesundheit, Kultur und Freizeit – innerhalb von 15 Minuten zu Fuss oder mit dem Fahrrad erreichbar sind. Es fördert kurze Wege, reduziert den Autoverkehr und steigert die Lebensqualität. Viele Grossstädte setzen die Idee der 15-Minuten-Stadt mittlerweile in die Tat um, darunter Paris, Wien, Berlin und auch Hamburg. Doch auch Schweizer Städte wie Basel, Bern und Zürich versuchen Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Freizeit und Lebensmittelversorgung in den Quartieren in unmittelbarer Nähe zusammenzuführen. Tatsache ist, dass landauf landab immer mehr Städte in der Planung auf kurze Wege setzen, wie eine Tagung des Raumplanungsverbandes Espace Suisse aufzeigte.