Die Erwartung, dass die SNB den Leitzins bis Mitte nächsten Jahres auf 0.50% senkt, gewinnt unter Ökonomen und am Zinsmarkt zunehmend an Boden. Vor allem Disinflation und die schwache globale Konjunktur stützen diese Annahme. Trotz bereits drei erfolgter Zinsschritte in diesem Jahr liegt die SNB hinter dem Zinsmarkt zurück (Abbildung 1). Aktuell sind für die nächsten vier Sitzungen drei weitere Zinssenkungen (75 Bps) eingepreist, was den Leitzins bereits nach der Juni-Sitzung auf 0.25% senken könnte. Damit stünden wir erneut in einem Tiefzinsumfeld und nur ein Katzensprung von Negativzinsen entfernt. Zurzeit reflektiert insbesondere das mittelfristige Segment der Zinskurve ein Szenario mit tieferen Zinsen, während das langfristige Ende gegenüber dem Vormonat ziemlich unverändert bleibt.
Der aktuelle Verlauf der Zinskurve zeigt eine zunehmend markante Konvexität im mittleren Segment. So preist etwa der zweijährige Swap-Satz bereits einen Leitzins unter 0.25% ein, während die langfristigen Zinsen sowie die Tageszinsen hoch bleiben. Die Ursachen für diese Struktur bleiben interpretationsfähig, eröffnen jedoch interessante Handlungsoptionen: Sei es für erfahrene Trader, die auf einen möglichen «negative butterfly» setzen – also ein Szenario, in dem die Zinsen am kurzen und langen Ende stärker fallen bzw. weniger stark steigen als im mittleren Segment – oder für Fremdfinanzierungen, die ihre Zielduration kostengünstiger durch eine stärkere Positionierung im mittleren Bereich der Kurve gestalten möchten. Ob der Leitzins tatsächlich auf 0.50% und später auf 0.25% sinkt, bleibt offen und hängt entscheidend von der Preisstabilität, der Stärke des Frankens und der gesamtwirtschaftlichen Lage ab. Der Disinflationsprozess hält an und zentrale Preissegmente sind von ihren Höchstständen zurückgegangen. Besonders die Importpreise fallen deutlich – eine Entwicklung, die grösstenteils auf den starken Franken zurückzuführen ist, der im aktuellen Umfeld weiterhin als sicherer Hafen fungiert. Sollte die Preisabschwächung anhalten, sind im kommenden Jahr sogar negative Inflationsraten möglich, was die SNB zu weiteren Zinssenkungen veranlassen würde.
Die Schweiz ist als offene Volkswirtschaft stark von der globalen Konjunktur und besonders von der Entwicklung ihrer Nachbarn abhängig. Europa steht vor strukturellen Herausforderungen, die – ungelöst – langfristig die Wettbewerbsfähigkeit schwächen könnten. Besonders die deutsche Wirtschaft zeigt 2024 Anzeichen von Stagnation oder gar Rückgang. Schweizer Wirtschaftspolitiker arbeiten daher seit längerem und verstärkt seit der Pandemie daran, die Abhängigkeit von einzelnen Märkten zu verringern und das Handelsportfolio durch neue Märkte breiter aufzustellen. Zwar dürfte die Schweiz nicht völlig unberührt von der europäischen Schwäche bleiben, doch könnten die Auswirkungen dank einer geringeren Abhängigkeit sowie einer robusten Binnenwirtschaft und stabilen inländischen Bedingungen abgefedert werden. Eine geldpolitische Lockerung aus dieser Argumentation wäre wirtschaftlich vorteilhaft, jedoch nicht zwingend notwendig.
Wir sehen zwei weitere Zinssenkungen um jeweils 25 Bps im Dezember und März als unser Basisszenario an und schliessen danach weitere Zinssenkungen nicht aus.
Burak Er ist Head Research bei der Avobis Advisory AG


