Nach den Überraschungen der letzten beiden Sitzungen könnte auch die geldpolitische Lagebeurteilung im September unerwartete Entwicklungen bringen, da eine Zinssenkung um 50 Bps im Raum steht. Entscheidend wird sein, ob die geldpolitischen Rahmenbedingungen einen solchen Schritt rechtfertigen und ob Thomas Jordan kurz vor seinem Rücktritt diesen markanten Entscheid unterstützen wird.

Die Zinsswap-Kurve verzeichnet diesen Monat einen weiteren Rückgang, wobei sich die Sätze bei Laufzeiten ab einem Jahr um etwa 15 Bps nahezu parallel verschoben haben (Abbildung 1). Damit rückt eine Normalisierung der Zinskurve weiter in die Ferne. Diese Abwärtsbewegung der Swap-Sätze ist eindeutig auf die wachsenden Erwartungen potenzieller Zinssenkungen zurückzuführen. Diese Erwartungen haben seit etwa einem Jahr nicht nur zu einem Rückgang der Zinssätze für kurzfristige Laufzeiten, wie zweijährige, geführt, sondern sich auch auf längere Laufzeiten von bis zu zehn Jahren übertragen. Weiterer Spielraum für niedrigere langfristige Zinsen besteht somit nur, wenn die SNB eine stärkere Lockerung vornimmt, als der Markt derzeit erwartet.

Aus den unterjährigen Swap-Sätzen lässt sich ableiten, dass für die nächsten zwölf Monate, beziehungsweise über die kommenden vier Sitzungen, bereits kumulierte Zinssenkungen von rund 65 Bps eingepreist sind, wobei 30 Bps der nächsten Sitzung zugeschrieben werden. Einige Marktteilnehmer sichern sich daher gegen eine mögliche Zinssenkung um einen halben Pro- zentpunkt im September ab und schliessen ein aggressiveres Vorgehen der SNB nicht aus.

Präventiv gehandelt

Die SNB hat frühzeitig mit Zinssenkungen begonnen und präventiv gehandelt. Angesichts ihrer bisherigen geldpolitischen Ausrichtung wäre ein solcher Schritt im September gerechtfertigt, falls der Franken weiter an Wert gewinnt und die Disinflation in der Schweiz unerwartet stärker ausfällt. Die jüngsten Inflationsprognosen der SNB deuten darauf hin, dass ein Inflationspfad nahe 1.0% als ausreichend angesehen wird. Die Inflationsdaten für Juli stützen bereits den Fall einer Zinssenkung. Sollte die Disinflation in den kommenden Daten, insbesondere im August, weiter zunehmen, könnte eine Zinssenkung um 50 Bps wahrscheinlich werden.

Die bevorstehenden Zinssenkungen der Fed und die Rezessionsangst in den USA dürften den Druck auf den Franken weiter verstärken. Die SNB wird bei kurzfristigen Kursschwankungen wahrscheinlich weiterhin intervenieren, jedoch im aktuellen Zinsumfeld keine grossangelegten Fremdwährungskäufe vornehmen, wie sie es seit der Finanzkrise getan hat. Da der Leitzins noch nicht die untere Grenze erreicht hat, wird die SNB weiterhin das Zinsinstrument einsetzen und die Zinsdifferenz ausweiten, um dem Aufwertungsdruck entgegenzuwirken. In diesem Kontext könnte ein Zinsschritt um 50 Bps unter Umständen erforderlich werden.

Unsere Erwartung

Wir erwarten neu in den nächsten drei Sitzungen jeweils einen Zinsschritt um 25 Bps als Basisszenario. Sollte der Franken weiter an Stärke gewinnen und die Inflationsdaten für August deutlich positiv ausfallen, könnte dies den Weg für eine Zinssenkung um 50 Bps im September ebnen. In diesem Szenario ist mit tieferen langfristigen Zinsen zu rechnen.

Burak Er, Head Research bei Avobis