Die SNB sorgte erneut für Spannung und überraschte manche mit ihrem Entscheid, den Leitzins um 0.25% auf 1.25% zu senken, wie die Reaktionen am Devisenmarkt zeigen. Angesichts der anhaltend positiven Inflationsentwicklung sahen wir den Spielraum für eine weitere Lockerung der Geldpolitik als gegeben. Nun gilt es, den Entscheid richtig einzuordnen.

Die SNB hat ihre Inflationsprognose an das neue Leitzinsniveau von 1.25% angepasst (Abbildung 1). Diesmal wurde die Prognose nicht nach unten revidiert, sondern der prognostizierte Teuerungspfad verläuft praktisch identisch mit dem der letzten Prognose. Dies ist so zu verstehen, dass aufgrund einer schwächeren Inflationsdynamik der gleiche Inflationspfad nun mit einer lockereren Geldpolitik erreicht werden kann, zumal die Prognose ohne die jüngste Zinssenkung niedriger ausfallen würde. Aus der Lagebeurteilung lässt sich somit folgendes herauslesen: Die SNB bewertet die konjunkturellen Vorteile einer Lockerung der Geldpolitik derzeit höher als die Vorteile einer stärkeren Disinflation. Das bedeutet, dass noch Spielraum für weitere Zinssenkungen besteht, sofern der Inflationsdruck stärker nachlässt als von der SNB prognostiziert.

Die aktuelle Inflation ist auf die Inlandsinflation, insbesondere die gestiegenen Dienstleistungspreise, zurückzuführen. Diese reagieren besonders empfindlich auf Lohnentwicklungen. Angesichts der positiven Reallohnentwicklung, der hohen Beschäftigung und der Lockerung der Geldpolitik bleibt fraglich, wie wahrscheinlich eine signifikante Abkühlung der Inlandsinflation in den nächsten Monaten ist. Die positiven konjunkturellen Impulse auf der Nachfrageseite könnten die Teuerung kurzfristig sogar wieder ankurbeln, wodurch der prognostizierte Anstieg der Inflation in den kommenden Quartalen eintreten könnte.

Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, wie akkurat die SNB die Situation einschätzt. Zu Beginn des makroökonomischen Wandels unterschätzte die SNB den Teuerungsdruck, während sie seit Beginn der disinflationären Phase dazu neigt, vorsichtiger zu agieren und diesen eher zu überschätzen. Unabhängig vom weiteren Verlauf der Geldpolitik sollten Akteure, die Investitionen aufgrund der konjunkturellen Lage und der Finanzierungskonditionen aufschieben, sich allmählich mit dem neuen Umfeld anfreunden. Diejenigen, die weiterhin auf bessere Konditionen warten, könnten enttäuscht werden und attraktive Investitionsmöglichkeiten verpassen.

Die Konjunktur sollte sich im Verlauf des Jahres normalisieren und die Nachfrage stützen, auch wenn das Wachstum aufgrund der schwächeren globalen Entwicklung in den nächsten Jahren moderat ausfallen dürfte. Weitere geldpolitische Lockerungen dürften eher zu einer Normalisierung der Zinskurve führen, ohne das Zinsniveau signifikant nach unten zu verschieben und die Finanzierungskonditionen weiter zu lockern. Die beiden Leitzinssenkungen hatten nämlich nur einen begrenzten Effekt auf die gesamte Zinskurve, da Senkungen in der mittleren und langen Frist eingepreist sind.

Unsere Erwartung

Die Datengrundlage zur Inflation wird in den nächsten Monaten richtungsweisend sein. Eine tiefere Inflationsentwicklung, wie von der SNB erwartet, werden wir als starkes Indiz für eine weitere Senkung bewerten. Wir halten einen Leitzins von 1.00% bis Jahresende weiterhin für realistisch.

Burak Er ist Head Research bei der Avobis Group AG.